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Die Ruhe „im“ Sturm

Mein allerwichtigstes Anliegen in der Säuglingspflege ist: Gebt euren Babys Zeit zu reagieren! Oder auch anders herum, bereitet sie gut vor! Je mehr ihr eurem Baby erzählt und ihm beschreibt, was auf es zukommt, desto ruhiger ist es in der Situation. Optimalerweise fängt dies schon in der Schwangerschaft an.

Babys (und Kinder auch) brauchen viel länger, bis ihr Gehirn einen Impuls verarbeitet hat. Wir Erwachsene erwarten immer gerne eine sofortige Reaktion, bzw. denken, wenn diese nicht kommt, dass das Kind nicht verstanden hat, was wir gesagt haben, oder es nicht verstehen kann. Aber wenn wir mal beobachten, wie viel ruhiger ein Baby mit einer Situation umgeht, auf die es sich in seiner eigenen Zeit vorbereiten konnte, dann werden die meisten von uns tief berührt sein und die eigene Einstellung grundsätzlich hinterfragen.

Natürlich sind wir alle auch nur Menschen und es wird immer wieder Situationen geben, in denen wir nicht die Geduld aufbringen unser Kind adäquat vorzubereiten oder auf seine Reaktion zu warten. Wie immer geht es mir darum, dass diejenigen, die sich von meinen Ideen angesprochen fühlen, Impulse bekommen für einen besseren Umgang mit sich und ihren Mitwesen. Aber niemand ist perfekt und ein ewig schlechtes Gewissen ist für alle Beteiligten oft belastender, als einige unvorsichtige oder unachtsame Handlungen im Alltag.

Und nun versucht es mal. Eine der wichtigsten Merksätze ist: Sagt was ihr tut und tut was ihr sagt! Also, jedes Mal, wenn ihr etwas mit dem Baby machen wollt, sagt es ihm. Bevor ihr es hochnehmt, sagt es ihm und lasst ihm Zeit, es in seinem Gehirn zu verarbeiten. Das heißt, ihr kommentiert nicht eure Handlung, sondern wartet wirklich auf Reaktion. Bevor ihr es ablegt, bevor ihr anfangt, die Kleidung auszuziehen, die Arme oder Beine anzuheben beim Wickeln, sagt ihr es … und wartet und beobachtet einen Moment. Erst dann macht ihr, was ihr angekündigt habt. Eventuell streckt es euch schon ganz bald seine Ärmchen zu oder hilft den Popo anzuheben. Hier kurz eingefügt, passt es auch zu sagen, dass ihr euer Baby immer über die Seite drehen solltet, beim Hochheben aus der Rückenlage. Und dann könnt ihr vielleicht bald beobachten, wie das Baby in eine Richtung schaut oder seinen Kopf und Oberkörper zur Seite wendet, wenn ihr ankündigt, dass ihr es jetzt hochheben werdet.

Auch für Baby- und Rückbildungskurse, Arztbesuche, Gäste im Haus oder Treffen mit anderen Menschen, macht es immer Sinn euer Kind verbal darauf vorzubereiten. Und zwar auch über das Babyalter hinaus. Denn auch Kinder reagieren wesentlich angstfreier bei Ärzten beispielsweise, wenn sie so genau wie möglich darüber Bescheid wissen, was mit ihnen passiert. Also, erzählt euren Babys und Kindern schon vorher was auf sie zukommt. Bei einem Arztbesuch mit einem Kleinkind kann man schon ein paar Tage vorher anfangen. Nicht umsonst gibt es jede Menge Bücher zu dem Thema. Steht beispielsweise ein Babymassagekurs an, dann erzählt dem Baby davon beim Anziehen. Erzählt ihm, dass ihr gleich mit den Auto/Bus/Fahrrad/Kinderwagen zu diesem Ort fahrt, dort den Raum betreten werdet, indem auch einige andere Babys mit ihren Mamas oder Papas sein werden, dass ihr sie dann auf dem Boden entkleidet und ihr zusammen eine Massage für das Baby kennenlernen werdet. Und dann wiederholt es nochmal auf dem Weg. Und dann nochmal bevor ihr den Raum betretet, und lasst es auch selbst den Raum betrachten. Und dann bereitet es darauf vor, dass es gleich von euch auf den Boden gelegt wird. Und dann geht es ans Ausziehen – gleiches Spiel.

Das Baden ist für mich wohl die herrlichste Situation, um diese Art des Umgangs zu üben. Auch hier gilt wieder, erzählt dem Baby schon vorher, dass ihr jetzt gleich Baden geht. Erzählt ihm von dem warmen Wasser und dem schönen Gefühl darin zu liegen (Das Gefühl, das es ja bereits aus dem Mutterleib kennt). Umgreift das Baby soweit es geht mit euren Händen, sodass es sich wirklich geborgen fühlen kann. Und dann lasst es das Wasser erst mal an den Füßen oder am Po spüren und wartet auf seine Reaktion. Geht dann langsam und behutsam weiter, bis es schließlich ganz im Wasser eintaucht. Ich meine jetzt erst mal ohne den Kopf, das ist schon etwas für Fortgeschrittene 🙂 Ich bin mir ganz sicher, auch euer Baby wird nicht weinen, sondern das Bad genießen. Im Wasser ist es auch wichtig, dass ihr es gut halten könnt, um Sicherheit zu vermitteln. Die richtige Grifftechnik könnt ihr euch von eurer Hebamme oder FamilienLotSinn/Mütterpflegerin zeigen lassen. Und um nun eine Idee von dieser intensiven Aufmerksamkeit, dieser Ruhe, dieser tiefen Entspannung und dieser liebevollen Zuwendung zu bekommen, seht euch gerne das Video von Sonja Krief an. Es ist unglaublich!

Und noch ein Tipp von Sonja Krief, den sie in einem ihrer Videos über das Weinen von Babys erklärt: Wenn das Baby trotz der Vorbereitung, trotz der Zugewandheit während des Wickelns, beispielsweise anfängt zu weinen, dann macht nicht „schnell, schnell, wir sind gleich fertig“ und weiter im Programm. Sondern hebt es kurz hoch, redet mit ihm, umarmt es und dann, wenn es sich beruhigt hat, fahrt ihr fort. Und das gilt für alle Lebenslagen. Wenn Situationen sich zuspitzen, Dinge unerträglich werden, gesteht euch und euern Kindern eine Pause ein oder bittet euer Gegenüber darum, beruhigt euch und macht dann weiter. ... VIEL weniger Stresshormone im Blut, ganz einfach!

Meine wichtigste „Geheim“zutat

Im Zusammenleben mit Kindern geht es immer wieder darum, gemeinsam herauszufinden, was es braucht, damit sich jeder wohl fühlen kann. Für uns Erwachsene sind dies in der Regel Dinge, wie morgens rechtzeitig aus dem Haus kommen, eine saubere, aufgeräumte Wohnung und gewaschene Kinder, geputzte Zähne, frische Windeln, geruhsame Abende, wenn die Kinder im Bett liegen.

Für die Kinder sind all diese Dinge in der Regel unwichtig. Sie wollen hauptsächlich selbstbestimmt ihre Zeit einteilen, durch Spielen das lernen, an was sie gerade am meisten Interesse haben und vor allem Anderen ganz viel (körperliche) Nähe zu uns spüren. So stehen sich leider in den allermeisten Fällen die unterschiedlichen Bedürfnisse im Weg. Dieses zu erkennen, ist aber schon mal ein erster großer Schritt in die richtige Richtung. Denn dann hört man auf zu denken, die Kinder täten die Dinge nur nicht, um uns zu ärgern oder weil sie zu faul sind oder was auch immer. Ihre Interessen und Bedürfnisse anzuerkennen, ist ein wichtiger Bestandteil für unsere Grundeinstellung, bringt uns aber auf unserem Weg zu einem erfüllenden Gemeinschaftsleben noch nicht viel weiter.

Es gibt aber einen großen Vorteil für uns Erwachsene: Kinder wollen mit uns kooperieren. Sie sind also durchaus bereit und willens ihre Bedürfnisse hinter unsere zu stellen. Um ihre Kooperation zu erhalten, können wir versuchen, ihre Bedürfnisse in unsere einzubinden. Also, Dinge wie anziehen oder Zähne putzen mit Spielen und körperlicher Nähe zu verbinden. Und wir können ihre Lust auf Selbstbestimmtheit herausfordern. Und genau darin liegt mein Geheimrezept. Besonders weil dieses auch bei älteren Kindern wunderbar funktioniert, die nicht mehr so ein großes Spielbedürfnis haben. Die wichtigste Zutat in diesem Rezept ist für mich der Rückzug.

Sobald Kinder sich als eigenständige Wesen erfahren, lieben sie das Wort NEIN. Und das sollten wir Erwachsene auch unbedingt akzeptieren, denn bei wem sollen Sie es denn üben, wenn nicht bei uns? Meistens tun wir aber das Gegenteil, wir versuchen in sie einzudringen, sie zu überzeugen, verlangen eine sofortige Antwort und sofortiges Handeln. Verständlich, wir wollen ja die Kontrolle behalten und unser Ziel erreichen. Aber tatsächlich bauen wir dadurch enormen Druck auf und erreichen in der Regel das Gegenteil dessen, was wir uns wünschen.

Wichtig ist dabei, dass ich darauf vertraue, dass das Kind mitmachen will. Ich gehe innerlich fest davon aus, dass ich mein Ziel erreiche. Dann schaue ich, dass ich weder wütend noch ungeduldig bin und falls ich diesen Zustand nicht habe, dann gehe ich erst mal auf Abstand und beruhige mich mit Atemübungen oder ähnlichem. Wenn ich meinen Kind klar sage, was ich von ihm möchte, achte ich auch darauf, dass ich nicht zu weit weg bin, sondern gehe zu ihm hin und schenke ihm meine volle Aufmerksamkeit. Ich spreche liebe- (ich achte darauf, dass ich tatsächlich Liebe empfinde während ich rede) und respektvoll (etwas, was wir von unseren Kindern verlangen, ihnen aber selten entgegen bringen) mit ihm und ziehe mich dann erstmal zurück. Entweder körperlich, also ich trete tatsächlich ein Stück weg oder geistig, ich warte einfach still auf die Reaktion. So gebe ich ihm Zeit, zu reagieren und damit klappt es in den meisten Fällen schon auf Anhieb.

Je nachdem, ob vielleicht schon starke Emotionen im Spiel waren oder sind, kann es etwas länger dauern mit der Reaktion und manchmal vielleicht auch ein paar Anläufe brauchen. Das heißt, ich gehe nochmal hin, äußere meinen Wunsch und ziehe mich wieder zurück. Vielleicht kann ich den Wunsch auch in irgendeiner Weise abändern, wenn ich merke, der Widerstand ist sehr groß. Vielleicht kann ich Alternativvorschläge machen oder alternative Handlungen aufzeigen. Kompromissbereit muss auch ich sein, nicht nur das Kind. Und je größer der Widerstand, desto wahrscheinlicher ist es, das mehr dahinter steckt als nur unterschiedliche Vorstellungen von Zeitvertreib. Wahrscheinlich steckt das Kind in einer Emotion fest, die gesehen werden muss.

Da wichtigste ist aber, dass es durch meinen Rückzug die Möglichkeit bekommen hat, selbstbestimmt und frei zu entscheiden, ob es mitmacht oder nicht. Und zwar in seinem eigenen Tempo.